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Wahrnehmung

In eine Beratung kommen Menschen mit völlig unterschiedlichen Problemen und Konflikten. Jede dieser Personen hat ihre eigene, persönliche Geschichte, die sie mitbringt.

Wie aus unserer Wahrnehmung Geschichten entstehen

Jeder Mensch ist mit seinen Sinnesorganen unzähligen Reizen ausgesetzt. Damit keine Überreizung entsteht, muss jede und jeder eine Auswahl treffen, die sie oder er bewusst wahrnehmen möchte. Jeder konzentriert sich also auf bestimmte Reize, alles Übrige wird ausgeblendet oder wirkt möglicherweise trotzdem im Unterbewusstsein. Würde uns diese Selektion nicht gelingen, würden wir vermutlich verrückt werden. Es gibt Schätzungen nach denen wir in der Sekunde 2.000 Bytes bewusst und 400.000.000.000 unbewusstwahrnehmen.

Was wir bewusst wahrnehmen, wird mit bereits Erfahrenem verglichen und eingeordnet. Dem Ganzen wird eine Bedeutung gegeben und es wird beurteilt und umgekehrt. Einzelne Wahrnehmungen werden miteinander verknüpft. Diese Verknüpfung muss einen Sinn ergeben. Das so Verknüpfte bildet die Geschichte ab, die in sich zusammenhängend und stimmig sein soll. Diese Geschichten sind die Rohfassungen unseres Lebens. Sie werden teilweise – wahrscheinlich sogar größtenteils- vergessen und bei Gelegenheit wieder erinnert. Bei jeder Erinnerung treten kleinere oder größere Modifikationen auf. Einzelheiten werden weggelassen, andere werden anders beurteilt, Schwerpunkte und Bedeutungen verändern sich. Manche Geschichten wiederholen sich und festigen sich dadurch – andere sind nur flüchtig. Aus den wiederkehrenden Geschichten entwickeln sich Haltungen, Meinungen und Überzeugungen aus denen sich unser Charakter bildet. Diese Geschichten erzählen wir uns selbst und anderen und nennen dies unser Leben.

Es gibt angenehme Geschichten. Geschichten, an die wir uns gerne erinnern. Geschichten, die in uns schöne Gefühle auslösen. Geschichten, die wir gerne anderen erzählen. Wir sind mit uns in diesen Geschichten im Reinen. Wir können sie und uns so akzeptieren.

Und dann gibt es die Geschichten, die schwierig sind, die unangenehme Gefühle wie Wut und Trauer oder Eifersucht und Enttäuschung auslösen. Geschichten, die wir so nicht annehmen können. Wir mögen uns selbst nicht in den Geschichten und wir mögen Personen, mit denen wir eine Beziehung haben, nicht in diesen Geschichten. Es sind Geschichten, die wir gerne verändern möchten, die wir gerne uns selbst und anderen anders erzählen möchten. Das sind die Geschichten, mit denen Menschen in eine Beratung kommen. Wenn es Paare sind, dann sind es letztendlich Liebesgeschichten, auch wenn mitunter die Liebe darin nicht mehr so leicht zu entdecken ist.

Wenn wir allein diese Wahrnehmung einzelner Sinnesreize betrachten, wird deutlich, wie unterschiedlich diese von Mensch zu Mensch sein können. Es gibt optische und akustische Täuschungen. Es gibt blinde Flecken, die wir ausgleichen. Es gibt die Unmöglichkeit, bestimme Reize wahrzunehmen (z. B. Farbenblindheit). Hinzu kommen die Beurteilungen und die Bedeutungsgebungen, die Erinnerungslücken und die jeweiligen erneuten Beurteilungen und Bedeutungen. Dies kann einerseits Angst auslösen, wenn wir erkennen, dass es keine Wahrheit sondern nur unzählige individuell erlebte und gefühlte Wirklichkeiten gibt. Andererseits ist dies auch die Chance, die wir haben, unser Leben und unsere Mitmenschen verändert zu betrachten und damit unser Leben zu verändern. Wir erzählen eine neue Geschichte.

In einer Beratung werden Geschichten erzählt

In einer Paarberatung werden unterschiedliche Geschichten erzählt, die der Berater zunächst einmal möglichst vorurteilsfrei und ohne Bewertung aufnimmt. Allein die Anwesenheit der Partnerin, des Partners und des Beraters verändert bereits die Geschichte. Wenn man einem aufmerksam zuhörenden und Anteil nehmenden Menschen eine Geschichte erzählt, entstehen bereits während des Erzählens oftmals Veränderungen, neue Einsichten, andere Perspektiven. Fragen des Beraters wirken in die gleiche Richtung. Die Partnerin oder der Partner hört diese Fragen und die Geschichten und auch hier kann sich etwas verändern. Später erzählt sie oder er selbst ihre oder seine vielleicht nun veränderte Geschichte. Auch der Berater erzählt und wirkt damit auf die Geschichten ein. Im besten Fall entstehen neue Geschichten, die sich besser anfühlen und in Zukunft angenehmer erzählt werden können.